Die Jecklin-Scheibe:

ein Verfahren zur stereophonen Musikaufnahme

Es gibt eine ganze Reihe von Verfahren, mit denen Musik im Raum aufgenommen werden kann. Mit der Einführung der Digitaltechnik sind es besonders die sogenannten "Minimal-Miking"-Verfahren gewesen, die verstärkt auf Interesse stießen. Man versteht unter minimal miking den Versuch, eine Stereo-Aufnahme mit einer möglichst kleinen Anzahl von Mikrophonen zu realisieren. Damit sollen Fehler, die sich bei den klassischen Multi-Mikrophon-Verfahren gern einschleichen, möglichst von vornherein vermieden werden.
Für den Amateur bieten sich solche einfachen Verfahren ebenfalls an, da die Gefahr, sich am Anfang zu verzetteln, gering gehalten wird.

Entwicklung des Jecklin-OSS-Verfahrens

Das Radio der Deutschen und Rätoromanischen Schweiz (DRS) wurde relativ spät, nämlich erst Ende der 1970er Jahre, mit der Aufgabe konfrontiert, Stereoproduktionen für den eigenen Programmbedarf zu produzieren. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde in der Schweiz der Stereo-Rundfunk eingeführt! Tonmeister und Musikregisseur Jürg Jecklin, damals bereits durch den von ihm entwickelten, elektrostatischen Kopfhörer "Float" einem breiteren Publikum bekannt, sah sich mit der Aufgabe konfrontiert, den hauseigenen Klangkörper (das Radio-Symphonie-Orchester Basel) bei seinen Konzerten und Produktionsaufnahmen in möglichst guter Qualität aufzunehmen. Da der Stammsitz des Orchesters (Musiksaal des Stadtcasinos Basel) über eine ausgezeichnete Akustik verfügt, schien der bis dahin gängige Ansatz einer Haupt-Stützmikrophon-Technik als überzogen, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Das Ergebnis seiner Überlegungen nannte Jecklin OSS (Optimales Stereo System), heute meist unter dem Namen "Jecklin-Scheibe" bekannt. Die weite Verbreitung dürfte übrigens auch daher rühren, daß Jecklin sich als einer der wenigen seiner Zunft nicht nur in die Karten schauen läßt, sondern in Büchern und einer Unzahl von Zeitschriftenartikeln immer wieder Anleitungen und Hinweise zu Fragen der Musikaufnahme liefert.

Arbeitsprinzip

Das angewandte Verfahren ist nicht neu, sondern taucht in Ansätzen (Charlin) bereits in den 1950er-Jahren auf. Jecklin versucht, folgende Faktoren unter einen Hut zu bekommen:

Forderung 1 ergibt sich aus dem Wunsch, ein mšglichst gehšrrichtiges Tonsignal (vgl. Schall-Laufzeiten) zu produzieren. Forderung 2 gründet auf der Erfahrung, daß Druckempfänger ("Kugel") schlicht am angenehmsten klingen. Richtmikrofone ("Niere") neigen vielfach zu KlangverfŠrbungen, die sich in einem tendenziell nŠselnden, ÈzugeknšpftenÇ Klangbild Šu§ern. Allerdings müssen hier die beiden Mikrophone voneinander getrennt werden, da Kugelcharakteristik eben das Fehlen jeder Richtungsempfindlichkeit bedeutet. Und an dieser Stelle kommt die Jecklin-Scheibe ins Spiel.

Die Jecklin-Scheibe ist eine kreisförmige, schallharte Kunststoffplatte, etwa von Durchmesser einer Analog-Langspielplatte, die auf beiden Seiten mit Schaumstoff oder Filz belegt ist.Links und rechts dieser Platte wird jeweils ein Mikrophon mit kugelförmiger Richtcharakteristik so angeordnet, daß die Membran des Mikrophons sich etwa im Mittelpunkt der Scheibe befindet, und zwischen den beiden Membranen ein Abstand von ca. 17 cm besteht. In der Praxis sind an der Scheibe verstellbare Mikrophonklammern vorhanden.

Bezugsquellen

Ein Selbstbau der Scheibe ist, handwerkliches Geschick vorausgesetzt, problemlos möglich. Wer sich dies nicht zutraut, kann serienmäßig hergestellte Scheiben von MBHO und von Precide/Jecklin erwerben. Aufgrund der kleinen Stückzahlen sind die Preise dieser Scheiben allerdings Đ in Relation zum Materialaufwand Đ recht hoch.

Praktische Hinweise

Es muß nochmals betont werden, daß die OSS-Technik nur mit Schalldruck-Empfängern, also Mikrophonen mit kugelförmiger Richtcharakteristik, funktioniert. Versuche mit Niere, Hyperniere, Acht usw. sind zwecklos. Auch elektrisch umschaltbare Mikrophone, bei denen eine "Pseudo-Kugel" durch Zusammenschalten zweier Nieren entsteht (z.B. Neumann U 87, TLM 170, KM 88, AKG C 414 und ähnliche), sind für diesen Anwendungsfall nicht geeignet. Sinnvoll ist weiterhin eine leichte Höhenanhebung der Kapsel. Wie immer, erzielen hochwertige Studio-Kondensatormikrophone die besten Resultate. Geeignete Vertreter sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: DPA (Brüel & Kjær) 4003 mit schwarzem Gitter, Schoeps MK 2 S, Neumann KM 130, KM 183, KM 53, KM 63, KM 83, Microtech Gefell M 296, M 58, M 93, M 960, Sennheiser MKH 20.


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