Der Tonographie V 76

Legendärer Mikrophonvorverstärker in Röhrentechnik

 

Der Mikrophonvorverstärker V 76 gehört zu der vom Institut für Rundfunktechnik in den 50er Jahren entwickelten Serie von Geräten, die in den deutschen Rundfunkanstalten Verwendung fanden. Gemeinsam ist dieser Geräteserie eine kompakte Bauform, bei der fast immer das Netzteil im Gerät integriert war.

Hersteller des V 76 war die Firma Tonographie Apparatebau, v. Willisen und Co. (TAB), mit Sitz in Wuppertal-Elberfeld. Die Firma besteht heute nicht mehr. Gelegentlich wird der V 76 auch mit der Firma Telefunken in Verbindung gebracht, die seinerzeit den Vertrieb des Gerätes übernommen hatte.

Das Gerät war in einem Standardgehäuse untergebracht, das in Form einer Metallkassette ("Dannerkassette") in einem Einschubträger Platz fand. Die Schaltung und praktische Ausführung des Gerätes können nur als extrem aufwendig bezeichnet werden. Es weist insgesamt vier Verstärkerstufen auf; drei davon sind mit der Pentode EF 804 S realisiert, die letzte Stufe mit der E 83 F. Die beiden ersten Stufen sowie der Eingangsübertrager sind mechanisch (durch Schwingmetall-Puffer) vom übrigen Gehäuse entkoppelt. Auffallend an der Schaltung ist der weitreichende Gebrauch von Gegenkopplung, insbesondere auch zur Wahl des Verstärkungsgrades.Das Ergebnis dieses Aufwandes ist ein Gerät, das an der Grenze des physikalisch machbaren operiert und auch heute noch durch seinen ausgezeichneten Klang überzeugt.

Vom V 76 wurden fünf Varianten gefertigt:

Bedienungselemente

An der Frontplatte findet sich neben dem Verriegelungshebel der Stufenschalter zur Einstellung der Verstärkung, ein weiterer zur Zuschaltung eines Tiefpassfilters (3 kHz), ein dritter zur Schaltung des Hochpassfilters (80/120 und 300 Hz).

Davon abweichend besitzt der V 76 m nur Einstellmöglichkeiten für den Pegel: Grob in 6-dB-Schritten, fein in 1-dB-Schritten, Abgleich 0-1dB über Poti stufenlos.

Hinter einer Bohrung unten links an der Frontplatte befindet sich der sog. Entbrummer. Da die Röhren beim V 76 mit Wechselspannung geheizt werden, kann diese (aber nur für die Röhre der ersten Stufe) symmetriert und damit auf minimales Brummen abgeglichen werden. Dies geschieht durch vorsichtiges Drehen des Entbrummers mit einem Abgleich-Schraubendreher, bis das Brumm-Minimum erreicht ist.

Der Anschluss erfolgt über eine zwölfpolige Stiftleiste nach DIN 41 622, an der Ein- und Ausgänge sowie die 220-V-Stromversorgung zugeführt werden.

Tips für die Inbetriebnahme

Wenn Sie zu den Glücklichen gehören, die einen V 76 aus dem Dornröschenschlaf erwecken können, habe ich Ihnen hier einige nützliche Tips zusammengestellt. Wenn Ihnen ein solcher Verstärker angeboten wird, können Sie aus nachfolgenden Informationen auch entnehmen, welche Fragen Sie dem Anbieter zum Zustand des V76 stellen sollten. Zwischen "Gummipuffer intakt" oder "Gummipuffer gebrochen" liegen mehrere Stunden Restaurierungsaufwand mit entsprechenden Kosten, auch wenn der eigentliche Teilewert dieser Puffer nur wenige Cent beträgt.

Tip 1: Nicht gleich einschalten

Wenn das gute Stück die letzten 20 Jahre im Keller oder auf dem Dachboden verbracht hat, kann eine Inspektion vor der ersten Inbetriebnahme nichts schaden. Für die weiteren Schritte sollten Sie mit einem guten Elektronik-Lötkolben (nicht einem 100-W-Löthammer aus dem Baumarkt !) umgehen können. Auch die Fähigkeit, den Schaltplan zu lesen, ist hilfreich, ebenso das Vorhandensein eines einfachen Multimeters. Was immer Sie aber tun: Vorsicht! Wie jede Röhrenschaltung arbeitet auch der V 76 mit hohen Gleichspannungen von bis zu 350 Volt. Das Berühren spannungsführender Teile im Inneren kann tödlich (wirklich !!!) sein. Auch nach dem Ausschalten kann es noch bis zu einer Minute dauern, bis alle Kondensatoren entladen sind und keine Gefahr mehr besteht. Wenn Sie sich den sicheren Umgang mit hohen Gleichspannungen nicht zutrauen, sollten Sie einen Fachmann zu Rate ziehen. Jeder versierte Radio- und Fernsehtechniker sollte in der Lage sein. den V76 zu reparieren.

Tip 2: Prophylaktischer Teile-Austausch

Um an die Schaltung ranzukommen, öffnen Sie sowohl die Ober- als auch die Unterseite des V 76. Die obere Abdeckkappe wird nach Lösen von zwei seitlichen Schrauben nach oben weggeklappt und dann abgezogen; das untere Abdeckblech kann nach Lösen von zwei Senkkopfschrauben einfach entfernt werden.

In fast jedem Fall kommen Ihnen nun Schaumstoff-Brösel entgegen. Besorgen Sie sich im Baumarkt (jetzt also doch!) eine Rolle Schaumstoff-Dichtband, Breite 1 cm (z. B. Tesa-Moll). Entfernen Sie die Reste des Schaumstoffbandes im oberen Deckel (Klebstoff ggf. mit Waschbenzin lösen) und bringen Sie an dessen Stelle ein neues Band an. Als nächstes ziehen Sie vorsichtig die beiden EF 804 S - Röhren heraus, die sich am nächsten zur Frontplatte befinden. Die weiter innen liegende Röhre ist übrigens die erste Verstärkerstufe und muß vom Typ EF 804 S sein, die zweite Röhre kann auch eine EF 804 (ohne "S") sein. Nun haben Sie Zugang zum zweiten Schaumstoff-Streifen, den Sie ebenfalls wie beschrieben erneuern.

Ebenfalls mit Schaumstoff gepuffert sind die Elektrolyt-Kondensatoren, die zur Siebung der Anodenspannung dienen. Diese finden sich am rückseitigen Ende der Verstärkerkassette, neben dem abgeschirmten Netztrafo. Im oberen, rechten Bild sind diese am rückseitigen Ende des Verstärkers an ihrer hellblauen Farbe erkennbar. Demontage: zwei Schrauben M3 lösen, Hartpapier-Halteplatte seitlich rausziehen. Auch hier das Dichtband erneuern. Damit sind wir bei einem weiteren Problemfeld: den Elektrolyt- Kondensatoren, kurz Elkos. Erfahrungsgemäß ist es vernünftig, wenigstens die vier Sieb-Elkos im Netzteil zu tauschen. Höchste Alarmstufe herrscht, wenn aus den Kondensatoren bereits Elektrolyt ausläuft (Blasen oder helle Rückstände am Plus-Pol). Hier gilt: sofort austauschen !!!

Sie brauchen vier Elkos mit je 33 µF, für 350 Volt Betriebsspannung, mit axialen Anschlüssen. Als Bezugsquelle kommen die üblichen Verdächtigen in Frage: Reichelt, Bürklin, Schuricht. Die beiden letzteren liefern allerdings nur an gewerbliche Abnehmer, sind dafür aber auch immer eine gute Anlaufstelle für alte Röhren. Wenn Sie schon am Bestellen sind und einen "Rundschlag" planen, können Sie noch weitere Elkos mitbestellen: 4 Stück mit 2,2 µF, 350 V, 2 Stück mit 4,7 µF, 350 V, 2 Stück 10 µF, 63 Volt, und 1 Stück 47 µF, 15 Volt. Auch den DIN-Steckverbinder zum Anschluß haben die genannten Firmen für kleines Geld im Programm – ein Rückgriff auf superteure, fernöstliche Nachfertigungen dieser angeblich nicht mehr hergestellten Stecker ist also unnötig.
Zurück zu den Kondensatoren: Diese Bauteile befinden sich alle auf der Unterseite des Verstärkers, und sind auf der Lötseite der dortigen Leiterplatte angeordnet. Achtung beim Auslöten: die damaligen Leiterplatten sind nicht annähernd so robust wie heutige, vor dem Ziehen eines Bauteils sollte das Zinn wirklich gut erhitzt sein - sonst kommt die Leiterbahn gleich mit ! Ebenfalls ist zu beachten, dass beim Durchstecken der Anschlußdrähte durch die Bohrungen in der Platine der Draht nicht zu weit vorgeschoben wird – er könnte sonst das Metallchassis des Verstärkers berühren und einen unangenehmen Kurzschluß auslösen.

Es macht übrigens nichts aus, wenn Sie Elektrolytkondensatoren mit höhrerer als der angegebenen Spannung bestellen – nur niedriger darf sie nicht sein.

Die in der Schaltung ebenfalls anzutreffenden Folienkondensatoren sind übrigens in aller Regel keine Austauschkandidaten, zumal die hier verwendete axiale Ausführung heute praktisch nicht mehr erhältlich ist.

Eventuell werden Sie bei der Inbetriebnahme auch feststellen, daß die Skalenlampe durchgebrannt ist. Der hier benötigte Typ (Steckmesserlampe mit Sockel F 9) war früher in der Rundfunk-Studiotechnik weit verbreitet. Heute sind diese Lampen kaum noch anzutreffen, der letzte verbliebene Hersteller, die Firma Taunuslicht, hat die benötigte Version mit 7 V Nennspannung inzwischen aus dem Sortiment gestrichen. Es bleibt daher nur, eine defekte Lampe "auszuweiden" und ein Pisello-Lämpchen an den Stecksockel der defekten Lampe anzulöten. Diese Lämpchen sind im Eisenbahn-Modellbau verbreitet und haben aus dem Glaskolben herausgeführte, lose Drahtenden. Um an die Lampe im Verstärker zu gelangen, muß zusätzlich zu den oberen und unteren Abdeckungen noch die Frontplatte entfernt werden (dazu vier Senkkopfschrauben M3 lösen, dann Platte nach vorn abziehen).

Tip 3: Hochpass-Filter abschalten

Der V 76/80 und /120 besitzt ein fest eingestelltes Hochpass-Filter (40 Hz-Trittschall-/Nahbesprechungsfilter), das Sie bei Bedarf abschalten können. Dazu sind neben den Teilepositionen 9 und 54 (Widerstand und Folienkondensator parallel) bereits zwei Drahtabschnitte in der Platine vorhanden, die einfach miteinander verbunden und zusammengelötet werden. Dadurch ist das Filter überbrückt.

Tip 4: Wenn's klappert...

... dann haben Sie ein Problem von der unangenehmeren Sorte. Wie oben schon erwähnt, sind die beiden ersten Verstärkerstufen mechanisch entkoppelt, d.h., sie befinden sich auf einer Metallplatte, die auf drei Gummipuffern ruht. Im Laufe der Zeit wird der Gummi spröde und bricht irgendwann auseinander. Die benötigten Puffer werden im Modellbau eingesetzt und sollten in gut sortierten Fachgeschäften erhältlich sein. Benötigt wird die Ausführung 8x8 mm mit Gewinde M3, mittlere Härte. Das Problem: zum Austausch der Puffer ist eine nahezu vollständige Demontage des Verstärkers erforderlich. Alle Anschlüsse der Hauptplatine sind abzulöten. Erst nachdem die Platine aus dem Chassis ausgebaut ist, werden die Puffer (oder ihre Überreste) zugänglich. Bei den neuen Puffern ist vor Einbau eine Kürzung der Gewindelänge auf etwa 3 mm erforderlich. Die gesamte Prozedur nimmt einige Stunden in Anspruch.

Tip 5: Röhren tauschen ?

Der prophylaktische Austausch der Röhren ist normalerweise nicht erforderlich. Es handelt sich um Spezialröhren mit besonders langer Lebensdauer. Wenn Sie ein Röhrenprüfgerät besitzen, können Sie ja mal eine vorsorgliche Messung durchführen. Ansonsten sind die EF 804 S nicht billig, aber immerhin noch zu bekommen. Rechnen Sie pro Röhre mit mindestens 35 €. Die E 83 F ist hingegen deutlich günstiger, sie kostet etwa 15 €. Da die Preise dieser nicht mehr hergestellten Röhren erfahrungsgemäß steigen werden, sollten Sie sich rechtzeitig einen Ersatzbestand zulegen.

Tip 6: Anschluß

Am besten besorgen Sie sich einen Schaltplan oder eine Kopie des Artikels aus dem IRT-Braunbuch (siehe nachfolgenden Link). Wenn Sie den nicht haben, hier die Stiftbelegung:
6a, 6b220 V Netz
5a, 5bGehäuse, an Schutzleiter anschließen
4a, 4bSchaltungs-Masse
3a, 3bAusgang, symmetrisch, erdfrei
2a, 2bmit 4a, 4b verbunden
1a, 1bEingang, erdfrei, symmetrisch

Das gleiche Anschlußschema hat auch der V 72 bzw. V 72 a.

AKTUELL – AKTUELL – AKTUELL

Das Institut für Rundfunktechnik hat sich der Röhren-Fans erbarmt und nun endlich die alten Braunbuch-Beschreibungen offiziell im Internet verfügbar gemacht.

Link zur Übersichts-Seite | direkt zur Beschreibung des V76 | direkt zum Datenblatt des V76m

Tip 7: Er funktioniert nicht. Was jetzt ?

Dann hilft nur eins: Signal verfolgen, Fehlersuche. Probleme machen gern die in der Schaltung vorhandenen Drosseln, auch die Übertrager können durch Korrosion defekt sein. Unter den Röhren ist meist die E 83 F erster Austausch-Kandidat. Bei den Kandidaten mit defekten Schwingmetall-Puffern sind oftmals auch Drähte an den Röhrensockeln abgebrochen.

Was die Drosseln anlangt: Erfreulicherweise existiert deren Hersteller noch, und kann diese Ersatzteile als Sonderfertigung noch herstellen. Es handelt sich um die Firma Hellmuth Haufe in Usingen (Taunus), Tel. (0 60 81) 91 53 - 0. Die Teile sind nicht ganz billig, aber sicherlich ihr Geld wert. Eventuell kann auch Pikatron weiterhelfen.

Tip 8: Ihre Investition sichern

220V-Konverter von Leo SchaalDer V76 stammt aus einer Zeit, als die standardisierte Netzspannung in Deutschland 220 V betrug. Da die Betriebsspannungen im Verstärker nicht stabilisiert werden, ergibt sich in den heutigen 230-Volt-Netzen das Problem, daß die Spannungen etwas zu hoch sind. Dies verkürzt nicht nur die Lebensdauer der Röhren, sondern verschlechtert auch den Störspannungsabstand.
Sinnvoll ist daher der Einsatz eines Vorschalttransformators. Diesen kann Ihnen jede Trafowickelei anfertigen.

Ein früher von Elektronik-Versender Conrad angebotener Vorschalttrafo, der bereits in ein Gehäuse betriebsfertig eingebaut war, scheint nicht mehr erhältich zu sein.

Erfreulicherweise gibt es eine sogar aufwendiger konzipierte Alternative, nämlich einen Anfang 2014 erschienenen Adapter der Firma Schaal, Nienhagen (www.mikrophone.org). Das Gerät erfreut durch seine kompakte Bauform und bietet eine eingebaute Hochfrequenzfilterung. Eine in Zeiten zunehmender hochfrequenter Umweltverschmutzung durch Handys sinnvolle Maßnahme. Durch die maximale Belastbarkeit von 300 Watt können auch mehrere V76 gleichzeitig mit einem Vorschalttrafo betrieben werden.

Ggf. sollten Sie die örtlich vorhandene Netzspannung durch Messung prüfen, obwohl das Thema "Umstellung 220 auf 230 Volt" inzwischen abgeschlossen sein sollte.


Ein schönes Beispiel für eine Aufnahme, die mit dem V 76m gefertigt wurde, ist unsere CD/DVD-Audio mit Musik für Violine und Cembalo . In Verbindung mit den V76-Vorverstärkern kamen Röhrenmikrophone der Typen Neumann KM 253 und U 47 zum Einsatz. Die Aufnahme können Sie bei M7 RECORDS bestellen.
Neu: eine weitere Aufnahme mit V76: das Porträt der Orgel von St. Michael, Aichstetten, ebenfalls als CD und DVD-Audio im Surround-Sound erschienen.

Eine englischsprachige Web-Seite über den V 76 hat Gunter Wagner aus Sydney/Australien zusammengestellt.
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